“Predigen für Jugendliche – das ist vor allem von der Liebe zu den Menschen und von der Vollmacht abhängig, die Gott schenkt. Daß das so ist, ist zwar kein Grund, auf inhaltliche und methodische Überlegungen zu verzichten. Aber inhaltliche Konzeption und Methodik können weder Liebe noch Vollmacht ersetzen.
Diese Lektion habe ich an einem Sonntagnachmittag zwischen 16.00 und 17.00 Uhr gelernt. Es muß so um die Dezemberzeit gewesen sein, als ich noch in Essen Jugendpfarrer war. Und die kürzlich verstorbene Berta Isselmann, damals schon so um die 90 und fast blind, sprach im Weigle-Haus zu den Jungs, die einem ja keine fünf Minuten aus Freundlichkeit zuhörten, sondern nur, wenn es spannend war. Aber sie redete, wie wenn man redet, wenn man alt wird, 50 Minuten. Sie redete also 50 Minuten, und die Leute hörten ihr ergriffen zu. Und das war ganz toll und spannend. Und dann war es vorbei. Sie redete die unsäglichste Sprache Kanaans, wie nur Berta Isselmann sie konnte und wie sie so im Siegerland gewachsen ist. Mit rollendem ›R‹ und Zitaten aus der Bibel nach der alten Luther-Version von 1912. Und es war alles ganz unerhört kanaanitisch. Aber die Leute hörten alle zu. Eigentlich durfte das alles gar nicht so sein. Es durfte schon längst keiner mehr zuhören. Offiziell, nach der Lehre der Methodik, durfte keiner mehr im Saal sein. Es waren 350 Jungs zwischen 14 und 17 – meist ganz gottlose Burschen. Alle hingen an ihren Lippen. Als sie dann rausstürmten in die Pause, half ich der blinden Frau von dem etwas wackeligen Podest runter. Und dann sehe ich sie zwischen den umstürzenden Stühlen stehen in diesem Theater, und sie sagte: ›Ich habe sie alle lieb.‹ Ich sehe sie mit blinden Augen die Hände ausstrecken und sagen: ›Ich habe sie so lieb!‹ Und in der Pause kommt einer von den Jungs vorbei, als wir so im Haus rumstehen, und sagt: ›Ne, Pastor, die kann es besser als Sie!‹ Da wußte ich, daß Liebe und Vollmacht die beiden Grundgeheimnisse der Predigt sind.
Es stimmte nichts an der Methodik, überhaupt nichts. Und auch vom Inhalt her hätte man fragen können, ob das so der reinen Lehre entsprach. Kontextualisierung war weitgehend unberücksichtigt geblieben. Und ob das alles reformatorische Theologie war, das wage ich im nachhinein auch zu bezweifeln. Aber es war Liebe und es war Vollmacht.”